Stimme und Körpersprache wichtig – Inhalt egal? Der 7-38-55-Mythos

93% dessen, was wir sagen, werde durch unsere Stimme (38%) und durch unsere Körpersprache (55%) vermittelt. Also nur 7% der Bedeutung hänge vom Inhalt ab. Als das einer meiner Co-Trainer mal in einem Kurs sagte, antwortete ein Teilnehmer: „Super, dann kann ich ja ab jetzt Pantomime machen und die Leute verstehen mich.“ Damit hatte er absolut recht. Das würde diese Annahme ja bedeuten. Natürlich ist sie falsch. 2+2 ist eben nicht 5. Diese Fehlinterpretation einer fast 50 Jahre alten Studie ist alles andere als banal und hat eine weitreichende Bedeutung für Ihre Vorbereitung auf Ihren nächsten Vortrag, Ihr nächstes wichtiges Gespräch.

Die Studie & der Wissenschaftler

Den groben Aufbau der Studie beschreibt Mehrabian, der die Studie durchführte, in diesem Interview: http://www.bbc.co.uk/programmes/b00lyvz9 (Ab Minute 23,10). Hier macht er auch seinen Unmut über die Fehlinterpretation deutlich und sagt, er zucke jedesmal zusammen, wenn er sie wieder hören müsse.

Was die Studie tatsächlich aussagt

Wenn sich die Konnotation gesprochener Worte (z.B. negative Konnotation bei Worten wie „Krieg“, „Hass“) mit der Konnotation der Stimme (positiver Klang) widerspricht, dann glauben die Zuhörer eher der Stimme. Genauso in der Mimik: Wenn die Mimik negativ, traurig ist, obwohl das Wort neutral ist („wirklich“, „deshalb“, „also“), dann kommt bei den Zuhörern eher das negative Gefühl an. Hier sind wir schon beim zweiten Punkt: In dieser Studie ging es nicht um die Bedeutung, sondern um ein Gefühl, genauer: Um Sympathie. Bei negativer Stimme und Mimik gewannen die Zuhörer trotz positivem Inhalt den Eindruck, der Sprecher mag sie nicht. Umgekehrt: bei positiver Mimik und Stimme: Der Sprecher mag sie.

Falsche Interpretation

Als ich einen Vortrag von jemandem hörte, der genau diese 7-38-55 Regel auf der Bühne oberflächlich anriss, um daraus abzuleiten, dass Stimme und Körpersprache wichtiger seien, sprach ich ihn nach dem Vortrag auf die Bedeutung an. Er sagte etwa: „Ja, das kann schon sein, das ändert ja jetzt aber nichts daran, dass die Studie sagt, Körpersprache und Stimme sind wichtig.“
Doch diese Fehlinterpretation ändert alles.

Wieso ist es wichtig, die Studie richtig zu verstehen?

Weil Sie scheitern werden, wenn Sie sich hauptsächlich auf Körpersprache und Stimme konzentrieren statt auf den Inhalt. Als logisch denkender Mensch würden Sie aus dieser Fehlinterpretation natürlich den Schluss ziehen, dass erstmal andere Dinge als der Inhalt wichtig sind. doch, er ist die Basis, deshalb:

Bedenken Sie einen wichtigeren Zusammenhang:

Inhalt und Struktur beeinflussen unsere paraverbale (Stimme) und nonverbale (Körper-) Sprache. Anders gesagt: Wenn Sie guten Inhalt mit einer logischen Struktur haben, wirkt sich das automatisch positiv auf Ihre Sprechweise aus.

Was macht Sie souverän?

Konzentrieren Sie sich zunächst auf den Inhalt, auf dessen Richtigkeit. Recherchieren Sie. Denn was uns Menschen antreibt ist u.a. „Ich bin nicht genug“: „nicht intelligent genug“, „nicht gebildet genug“, nicht was auch immer. Dementsprechend haben wir vor einem Vortrag oder einem wichtigen Gespräch davor Angst, dass wir irgendetwas nicht wissen könnten, wonach vielleicht gefragt wird, dass die Inhalte für die Zuhörer vielleicht nicht neu sind oder dass sie es langweilig finden. Kümmern Sie sich also darum, dass Sie selbst davon ausgehen können, dass Sie hinter den Inhalten stehen können und diese nach bestem Wissen und Gewissen richtig sind.

Inhaltliche Struktur

Danach kümmern Sie sich um die Dramaturgie des Vortrags bzw. des Gesprächs, in dem es die Gesprächsphasen sind. Wenn Sie sich mit diesen mal auseinandergesetzt haben für die verschiedenen Gespräche, ist es relativ  leicht, Ihr Gegenüber und sich selbst zum Gesprächsziel hinzuführen.

Jetzt ist es auf einmal einfach….

…. Stimme und Körpersprache einzusetzen. Alles ist logisch, Sie haben eine Struktur und jetzt ist die Aufgabe nur noch: Diese Struktur durch Ihre Stimme HÖR-bar und durch Ihre Körpersprache SICHT-bar zu machen. Sie werden merken: Wenn Sie sich in der Struktur und Dramaturgie sicher sind, funktioniert vieles von selbst.

Körpersprache- und Stimmtrainer – also auch ich – können aufatmen. Es gibt trotzdem was zu tun.

Manches funktioniert aber auch nicht von selbst. Und hier ist nach wie vor die Hilfe von Körpersprache- und Stimmtrainerin gefragt. Damit bei den Zuhörern das Verständnis des Inhalts weiter erhöht wird und damit v.a. auch die Wichtigkeit und die Leidenschaft überspringen, ist ein guter Einsatz von Stimme und Körpersprache wichtig. Hier ist bei vielen wichtig, sich um das Lampenfieber und die Aufregung zu kümmern, damit die natürliche glaubwürdige Körpersprache und feste Stimme wieder durchkommen können. Im nächsten Schritt dann Korrekturen, kleine Ergänzungen, Tipps und Stimmtraining. Hier können sogar mit einigen Tricks Ihre Zuhörer in die Richtung gelenkt werden, in der Sie sie haben möchten.

Wann Sie und Ihre Inhalte besonders glaubwürdig wirken

Die Zuhörer glauben Ihnen, wenn Sie hinter Ihren Inhalten stehen und Sie selbst von ihnen überzeugt sind. Woran ist das für Ihre Zuhörer bemerkbar? Daran, ob Sie kongruent kommunizieren, d.h. dass Stimme, Körpersprache und Inhalt dasselbe aussagen. Wenn Sie also z.B. inhaltlich sagen, etwas sei wichtig, dann zeigen Sie das durch entsprechende Körperhaltung und Stimme und ziehen kein gelangweiltes Gesicht.

Wie kriegen Sie das hin?

Indem Sie sicher sind in Ihren Inhalten, sich selbst glauben und im Moment des Vortragens präsent sind. Deshalb ist es gerade bei fast wörtlich vorbereiteten Inhalten im Moment des Sprechens so wichtig, wirklich mitzudenken und so zu reden, als ob Ihnen die Inhalte jetzt gerade einfallen. Kongruentes Vortragen mit einem Tick Leidenschaft in Stimme und Körper wirkt kompetent.

Ein Hoch auf den Inhalt!