So geschickt konterte FDP-Chef Lindner die Proteste in Bochum

Christian Lindner zwischen Plakaten und Parolen in Bochum
Bei seinem Auftritt an der Ruhr-Universität Bochum am 11. Juli wurde Christian Lindner von studentischen Demonstranten unterbrochen: Mit Plakaten und Parolen stürmten sie die Bühne. „Freie Bildung für alle! No border, no nation, free education“, „Nein zu Rassismus!“ bis hin zu „Sie sind ja rassistisch, FDP, verpiss dich!“ Selbst hier brach Christian Lindner seinen Auftritt nicht ab, sondern reagierte souverän, behielt seinen Status und nutzte Aussagen und Parolen rhetorisch geschickt für seine eigenen Inhalte. Hier im Einzelnen:

Gelassenheit gegenüber emotionalen Gegenrufen – was wirkt souveräner?
Als noch vor Beginn seiner Rede die Demonstranten unter Pfiffen und Applaus die Bühne einnehmen, entsteht im Saal eine lautstarke aufgebrachte Atmosphäre. Es wäre verständlich, wenn Christian Lindner Irritation zeigen und zurückweichen würde. Tut er aber nicht. Stattdessen lehnt er lässig am Pult, setzt sich kurze später sogar an den Rand der Bühne und lässt den Studenten ihren Auftritt. Dann steht er auf und heißt alle Zuschauer herzlich Willkommen. Damit zeigt er Souveränität, denn er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und unter Druck setzen. Bereits hier bekommt das Verhalten der Studenten einen übertriebenen Touch, denn ihre Lautstärke ist gegenüber Lindners Ruhe unangemessen. Er ist bereit zuzuhören.

Respektvoll die Spielregeln bestimmen
Im Alltag zeichnen sich souveräne Gesprächspartner u.a. dadurch aus, dass sie andere nicht vorschnell unterbrechen. Sie haben es nicht nötig, emotional ins Wort zu fallen, sondern warten zunächst ab. Das zeigt Selbstbewusstsein ohne Angst vor den Ausführungen des anderen. Dann in einem geschickten Moment einzulenken ist v.a. in politischen Debatten wichtig, um sich einen angemessenen Redeanteil zu holen.
Selbst in der aufgewühlten Stimmung macht der FDP-Chef genau das: Er weicht nicht zurück, sondern sucht den Dialog. Er möchte hören, was die Studenten zu sagen haben, bestimmt dabei aber immer noch die Spielregeln: „Einer bekommt jetzt 2 Minuten und darf was sagen“. Er begrüßt den studentischen Redner höflich mit Handschlag und leiht ihm nach einigen technischen Problemen sogar sein Headset. Dieses Entgegenkommen wirkt sympathisch und erhöht die Chance, dass der Student etwas zurückgibt, z.B. dass er der Zeitvorgabe folgt.

Nähe trotz Angriff
Während der Student mit lauter Stimme ins Mikrofon ruft und dadurch weniger besonnen und überlegt wirkt, steht der verbal angegriffene FDP-Politiker ruhig direkt neben ihm und hört zu, mit einer Hand in der Hosentasche und einem Glas Wasser in der anderen Hand. Keine Attituden also, jetzt irgendetwas unternehmen zu wollen oder zu müssen.
Der Vorwurf des Studenten: Es sei rassistisch, dass Studenten, die nicht aus Europa kommen und in Nordrhein-Westfalen studieren wollen, zukünftig Studiengebühren zahlen sollen.
Großer Applaus für den Studenten. Weitere Zwischenrufe gegen Lindner.

Die Motivation des anderen für sich selbst nutzen
Lindner wartet die Unruhe ab bis er an eine Kernmotivation der Studenten appelliert: Nämlich das Prinzip der Toleranz. Hiermit trifft er einen Wert, dem die Studenten nichts entgegen setzen können, denn es ist ihr eigener.
Generell ist es in Diskussionen von Vorteil herauszufinden, was die Motivation des Gegenübers ist, um ihn genau dort greifen zu können. Hier können ganz unterschiedliche im Vordergrund stehen, z.B. gefallen wollen, Zuspruch, Gerechtigkeit, Fairness etc.
Lindner appelliert an eine den protestierenden gemeinsame, nämlich die Toleranz und das Ideal der Gleichheit. Er nutzt sie für sich, denn Toleranz bedeutet, auch andere Meinungen zu hören, also jetzt seine. Applaus, ruhige Protestler.

Die „Viel wichtiger ist“-Taktik
Zunächst stimmt Lindner zu: „Ich finde gut, wenn Ihr Euch hier einbringt,..“ Durch Zustimmung öffnet er Gegner und restliche Zuhörer und bereitet sie damit auf den folgenden Satz vor: „…aber noch besser hätte ich gefunden, wenn Ihr auch für gute Bildung hier gestritten hättet ….“. Damit lenkt er das Thema in die Richtung, in der er die Debatte haben will. Er fängt also erst gar nicht an, sich dafür zu rechtfertigen, warum Nicht-EU-Ausländer Studiengebühren zahlen sollen, sondern setzt den Fokus auf gute Bildung im Allgemeinen.

Diese Taktik ist sehr häufig in Talkshows zu finden, wenn eine Frage oder ein Einwurf nicht auf eine vorbereitete Antwort passen. Dann kommt häufig: „Die eigentliche Frage ist doch eine ganz andere….“ Diese Taktik beherrscht inzwischen schon meine kleine Nichte. Wenn sie von ihrer Mutter gefragt wird: „Sag mal, wann gehst du denn eigentlich mal ins Bett?“, antwortete sie: „Interessante Frage, aber viel wichtiger ist doch: Wann gehst du eigentlich ins Bett?“ Ich habe versprochen, aufzuhören, ihr so etwas beizubringen.

Gegenangriff I: Übertreibung
Nach weiteren Zwischenrufen ist es Zeit für einen Gegenangriff: „Das Problem bei den Linken ist, dass nur sie glauben, Wahrheit zu besitzen.“ Ein Vorwurf, der in diesem Fall an Glaubwürdigkeit gewinnt, da die Studenten ihn tatsächlich nicht zu Wort kommen lassen. Situativ schlau: Lindner nimmt das momentane Verhalten – das nicht zu Wort kommen lassen anderer – und führt es in eine Übertreibung: eine generelle Abwehr anderer Meinungen. Applaus.

Gegenangriff II: Vergleich
Bis hierhin war Lindner für seine Verhältnisse stimmlich zurückhaltend ohne viel Druck und Tonhöhenvariation. Das ändert sich jetzt, als er stimmlich den Start seiner eigentlichen Rede markiert. Mit größerer Lautstärke und Variationen in seiner Sprechmelodie zeigt er Emotionalität und beginnt seine Ausführungen zum Thema Gerechtigkeit in der Bildung. Weitere Zwischenrufe folgen. Jetzt kontert er mit einem gewagten Vergleich: „Wir sind hier nicht in Hamburg!“. Damit bringt er die Protestierenden in Zusammenhang mit den aggressiven Randalierern auf dem G20 Gipfel in Hamburg. Ein harscher Vergleich, der die Stimmung wieder hätte kippen können.
Denn wenn Angriffe zu heftig sind, besteht die Gefahr, dass die restliche Gruppe einen Schutzmechanismus gegenüber der Angegriffenen entwickelt. Doch aus Sicht der (überwiegend nicht linken) Zuhörer war der Angriff offensichtlich angemessen. Lindner hat die Mehrheit schon auf seiner Seite und erhält Applaus.

Appell an demokratische Werte
Er rinnert an grundsätzliche Werte, an Demokratie, in der andere Meinungen erlaubt sein dürfen. „Es ist ein Gebot von Erwachsensein, dass man einander zuhört.“ Solchen Werten wird im Grundsatz niemand sprechen. Wer es dennoch tut, stellt sich selbst in ein schlechtes Licht. Ab diesem Zeitpunkt wird es im Saal ruhiger. Lindner hat die Gelegenheit zu sprechen, wendet sich ab von den Demonstranten hin zum Publikum.

Das Thema auf eine übergeordnete Ebene heben
Das Thema bestimmt dabei immer noch er. Er geht nicht direkt auf den Vorwurf der Studenten ein, dass Ausländer aus einem Nicht-EU-Land Gebühren zahlen sollen, sondern hebt das Thema auf eine darüberliegende Ebene, nämlich der der Gerechtigkeit in der Bildung. Hier nennt er ein ganz anderes Problem als das von der Gegenseite angesprochene: das des ungerecht verteilten Zugangs zu Bildung, der von der sozialen Schicht abhängt.  Dadurch hätten viele auch ohne Studiengebühren gar nicht die Chance auf ein Hochschulstudium. So bedient sich Lindner also wieder der „“Viel wichtiger ist …“ – Taktik.

Er macht sie lächerlich

1. Verhalten des Gegenübers als Negativbeispiel nutzen
Nach weiteren Zwischenrufen nutzt Lindner dieses Verhalten und zeigt mit dem Zeigefinger auf die Demonstranten: „Schaut euch mal die an.“ Gelächter.

2. Unterstellen niederer Beweggründe
Lindner verweist auf die 68er, die gegen soziale Ungleichheit in der ganzen Gesellschaft protestierten im Gegensatz zu den Studenten heute, die nur auf ihr eigenes Wohl aus sind. Er wirft einem der Demonstranten direkt vor: „Du kämpfst für deine Privilegien.“ Damit spricht er seinem Gegenüber eine moralische Motivation ab. Applaus des Publikums, Stille bei den Demonstranten.

3. Aufforderung zu bleiben
Als die Studenten mit ihren Plakaten von der Bühne gehen, nutzt der FDP-Chef seinen erarbeiteten Status und provoziert: „Schön hochhalten, die ganze Zeit.“, fragt sogar: „Wollt Ihr nicht oben bleiben?“ und stellt ihre Durchhaltefähigkeit in Frage. Zwickmühle: Wenn sie jetzt von der Bühne gehen, bestätigen sie Lindners Unterstellung, dass sie kein Durchhaltevermögen haben und nicht zuhören wollen; wenn sie bleiben, leisten sie seiner provokanten Bitte Folge, was sie lächerlich dastehen lässt. Nur eine Demonstrantin mit Plakat und zwei ihrer Kommilitonen bleiben auf der Bühne.

4. Humor
Aus dem Publikum ruft ihr jemand zu: „Das hast du nicht nötig.“ Die Antwort von Christian Lindner, kurz und knackig: „Doch“.

Respekt an eine saubere rhetorische Leistung Lindners und an die Studenten, die für ihre Überzeugung einstehen. Vielleicht das nächste Mal auf eine diskussionsbereitere Art und Weise.

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