Haben Sie eine sympathische Stimme? Überprüfen Sie es.

Haben Sie eine sympathische Stimme?
Wenn Sie weniger als zwei der folgenden Merkmale aufweisen, haben Sie gute Chancen, die Frage mit „ja“ zu beantworten. Falls nicht, können Sie sich die immer noch wichtigste Eigenschaft der Stimme von Babys abgucken. 

1. Lispeln
Das „s“ wird nicht deutlich ausgesprochen, die Zunge verfehlt ihren Artikulationsort, sodass ein Zischen entsteht.
Die Ergebnisse der Sprechwirkungsforschung zeigen, dass Lispeln mit unterdurchscnittlicher Intelligenz assoziiert wird. In Verbindung mit weiteren auffälligen Sprechermerkmalen von Moderatoren die ideale Vorlage für Parodien.

2. Knarren
Wenn die Stimmbänder angespannt sind und ungenügend Luft durchfließt, schwingen sie ungleichmäßig und sehr langsam, sodass nur noch ein Knarren zu hören ist. Z.B. wenn am Satzende die Luft nicht mehr ausreicht. Das kann entweder physiologisch bedingt oder eine Angewohnheit der Sprecher sein.
Es gibt eine Studie, deren Ergebnis tatsächlich war: Knarrende Frauen bekommen weniger Jobs.
Dabei ist dieses wie einige andere Sprechermerkmale auch: V.a. dieses eines derjenigen, die von ungeübten Hörern selten bewusst wahrgenommen wird, selbst bei genauem Hinhören.

3. Näseln
Es gibt zwei verschiedene Arten: Das geschlossene Näseln, das Sie beim Schnupfen haben, und das offene Näseln, das Sie entweder von französischen Nasalvokalen wie „en“, „on“, „in“ kennen oder in ausgeprägter Form von Menschen mit Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalte. Beide Formen des Näselns können auch in einer Mischform auftreten.
Die offene Variante wirkt v.a. bei Männern arrogant.
Auch die geschlossene Variante ruft eine unangenehme Wirkung hervor. In seiner Parodie von Ex-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt benennt Hape Kerkeling sogar genau diese arrogante Wirkung: „Ich finde, das habe ich toll gemacht“:

4. Undeutliche Artikulation
Nuscheln kommt durch unterspannte Artikulationsorgane zustande, als ob der Zunge die Kraft fehlt, ihren Job zu tun. Dadurch wirkt es energielos, was auch auf Trauer oder Krankheit hindeuten kann. Oder auf eine „Laissez-faire“-Haltung, die unter einigen Hörern in Verbindung mit anderen eher positiven Sprechmerkmalen auch als „cool“ bezeichnet wird.

5. Dialekt
Starker Dialekt wird mit unterdurchschnittlicher Intelligenz in Verbindung gesetzt. In Gesprächen mit Sprechern aus derselben Region stellt er dagegen Nähe her.
Generell ist eine leichte dialektale Färbung kein Nachteil. Mit Ausnahme des Sächsischen, das überwiegend negativ bewertet wurde.
Hier ein Beispiel, bei dem Sie selbst testen können, wie ein Dialekt, der auch durch grammatikalische Veränderungen charakterisiert ist („Arbeit, wo man leistet“), auf Sie wirkt:

6. Unnatürliche Sprechstimmlage
Hier gibt es die in der Literatur als „Klein-Mädchen-Stimme“ genannte Tonlage, die weit über der natürlichen Stimmlage liegt: Sie wirkt unglaubwürdig, kindlich und inkompetent.
Dagegen gibt es die in die Tiefe gedrückte Stimme, die auch zu negativen Hörerurteilen führt.
Ideal ist nicht generell eine tiefe sonore Stimme, die evtl. gedrückt ist, sondern eine individuelle Tiefe. Husten Sie mal. Wenn Ihr Stimmklang dabei eine andere Höhe hat als beim Reden, sprechen Sie vermutlich nicht in Ihrer natürlichen Tiefe.

7. Unangemessene Lautstärke
Leise Sprecher werden als introvertiert, schüchtern und teilweise inkompetent eingeschätzt. Überdurchschnittlich laute Stimmen werden als dominant wahrgenommen. Sprechern, die leicht oberhalb der durchschnittlichen Laustärke liegen, wird Kompetenz zugeschrieben.
Allerdings gilt das eher für Sprecher, die Lautstärke nicht mit Kraft aus dem Kehlkopf, sondern mit Resonanz und einer gesunden Tiefatmung und Zwerchfelleinsatz erzeugen – so wie es Babys bis mindestens zum Kleinkindalter in Perfektion tun. Sie sehen es an ihrem Bäuchlein, das sich bei lautem Geschrei deutlich nach außen wölbt und reflexartig wieder zurückzieht. So sollte es auch bei uns Erwachsenen sein: Beim Sprechen (=Ausatmung) Bauch rein – beim Luft holen Bauch raus. Von dieser reflektorischen Atemergänzung der Babys können wir einiges lernen. Allerdings haben sie doch recht oft eine überdurchschnittliche Lautstärke 😉
Die genannten Ergebnisse sind ein Mittelwert – In der Rhetorik werden starke Lautstärkenvariationen durchaus bewusst eingesetzt, um die Aufmerksamkeit und Emotionen der Zuschauer zu lenken. Zum anderen stellt sich in unterschiedlichen Situationen die Frage: Was bedeutet eigentlich „zu“ laut/leise? Arbeiten Sie hier in Übungssituationen mit Feedback.

OH – MEIN – GOTT – Sie haben einen oder sogar mehrere dieser Merkmale?
Macht nichts. Ihre Zuhörer hören Ihre Stimme als komplexes Klangmuster, also mehrere Merkmale gleichzeitig. Diese können sich gegenseitig ausgleichen. Ulla Schmidt z.B. hat einen warmen Stimmklang, weshalb vermutlich eher wenige Menschen ihre Stimme als unangenehm empfinden würden, obwohl sie näselt. Bei Katja Burkhardt ist der S-Fehler sogar ein Markenzeichen. Und Lothar Matthäus wirkt durch seinen Dialekt auf viele authentisch, wobei „authentisch“ nicht unbedingt gut und professionell ist. Dazu hier ausführlich.

Wenn wir eine Stimme mögen, mögen wir meist auch den Menschen dahinter. Ein guter Grund, um an der Stimme zu arbeiten.
Sie möchten Feedback zu Ihrer eigenen Sprechweise und außerdem erfahren, welche Merkmale Ihre Glaubwürdigkeit steigern? ► Hier geht´s lang.